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Die Flucht aus der DDR

Autor: Johannes Malchàrek (aus HiStory)

Als 1945 das „Dritte Reich“ zusammenbrach, und damit die russischen Besatzungsmächte die Herrschaft über den Osten Deutschlands übernahm, wurde die Not im Lande weitaus grösser, als es zu Kriegszeiten jemals war. Es waren aber nicht die Russen, die den Lebensnerv der Bevölkerung bis aufs äußerste ausbeuteten und beschnitten, sondern die deutschen linken Sozialisten und Kommunisten.

Alle Besitzenden, die sich über Generationen hinweg durch Fleiß und Ausdauer eigene Existenzen erworben hatten, angefangen von den großen Gutsbesitzern bis zu den kleinen selbständigen Handwerksbetrieben, wurden von der niedersten Gruppe der Bevölkerung enteignet, und deren Besitz dem Verfall übergeben. Sie wurden an den Pranger gestellt, schlimmer als im Mittelalter. Doch vor lauter Angst vor dem Pöbel, und aus purer Angst vor Repressalien, welche die Familienangehörigen zu erleiden hätten, hat niemand gegen dieses System der Selbstvernichtung aufbegehrt. Selbst mein Vater, der Mitglied in der SA gewesen ist und in meinem Elternhaus ein gut gehendes Geschäft besaß, wurde das Geschäft und das Wohnhaus enteignet.

Die einzige Möglichkeit dieser Volksdiktatur zu entgehen, war die Flucht in ein Demokratisches Land: das war damals die von den westlichen Siegermächten besetzten Gebiete Deutschlands. Von den 17 Mio. Menschen in den von den Sowjets besetzten Gebieten verließen von 1949 (Gründung der DDR) bis zum Zusammenbruch des Regimes 1989 etwa 3 Mio. Bürger dieses Land. Die Gründe zum Verlassen dieses Landes waren sehr vielseitig: Die Unterdrückung aller andersdenkender, die Bespitzelung durch die KP, die Ablehnung dieser jetzt herrschenden Ideologie, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, die Behinderung in der freien Berufsauswahl, der Zwang zur politischen Einheitspartei und zu dem verlogenen Wahlsystem.

Nach der Aufteilung der vier Besatzungsgebiete 1945 gab es nur noch ein westliches Deutschland, unter der Leitung der Amerikaner, der Franzosen und der Engländer auf westdeutschem Gebiet, und unter der russischen Leitung im östlichen Deutschland. Bereits im Sommer 1945 wurde von der ostdeutschen Seite ein 10 Meter breiter Grenzstreifen quer durch Deutschland gezogen. Ich selbst musste damals mithelfen, gerade 14 Jahre alt, die Bäume zu fällen um eine Schneise im Wald um meine Heimatstadt am Südharz zu schlagen. Diese Grenzlinie wurde zunächst von den Russen, im Lauf der Zeit aber von ostdeutschen Grenzpolizisten bewacht. Die Russen waren bei der Bewachung weitaus humaner als die Deutschen. Ich habe persönlich gesehen, als ein deutscher Kriegsversehrter (wahrscheinlich ein Heimkehrer aus russischer Gefangenschaft) auf Krücken über die Grenzlinie humpelte, die zwei Russen gingen langsam hinterher und ließen ihn die Grenze passieren. Ich habe aber auch gesehen, dass ostdeutsche Grenzpolizisten Flüchtlingen hinterher schossen, als wäre es noch im Krieg.

Die ostdeutsche Grenzpolizei gab es bereits seit 1945. Im Jahr 1952 erfolgte dann die Einführung der „Kasernierten Volkspolizei“, eine vormilitärische Einsatztruppe. 1956 wurde dann die „Nationale Volksarmee“ gegründet, das war bereits eine Wehrmacht mit allem Kriegsgerät, wie es dies in der BRD heute auch gibt.

Das war die Situation nach dem Kriegsende in meiner Heimat am Rande des Südharzes. Bis 1952 war die Grenze schon sehr gut bewacht, doch gab es für uns Einheimische noch genügend Schleichwege, um die Grenzposten zu umgehen. So hatte ich aus der Not heraus kleine Grenzgeschäfte unternommen. Mein Onkel in Nordhausen besaß eine Gastwirtschaft. Von ihm bekam ich eine Flasche Nordhäuser Korn. Ungehindert überwand ich die Grenze und tauschte den Alkohol in 2 Kisten mit Bücklingen (eine im Osten heiß begehrte Ware). Diese wiederum brachten mir in Nordhausen 2 Flaschen Korn ein. So machte ich ein ganz gutes Geschäft, wobei es nicht bei den Bücklingen blieb, auch Fahrradbereifung, Kaffee, Kakao und Konserven tauschte ich ein.

Doch im Jahre 1952 verabschiedete die Regierung der DDR das „Gesetz zum Schutz der Demarkationslinie“. Das bedeute: Es wurde entlang der gesamten Grenze zu Westdeutschland ein Zaun aufgebaut. Der 10 Meter breite Streifen wurde absolut sauber gehalten, und später vermint. Es wurde die 500 Meter-Zone eingeführt, das heißt: In diesem Gebiet durfte sich niemand aufhalten, wohnen oder arbeiten. Weiterhin erfolgte die Einführung der 5 Kilometer-Zone. Die Bewohner dieses Gebietes bekamen Sonderausweise. Diese Zone durfte auch von der ostdeutschen Bevölkerung nur mit Sondergenehmigungen betreten werden. Westdeutsche Besucher der DDR durften nicht in diese Sperrzone, und wenn bei einer Ausnahme doch die Genehmigung erteilt wurde, dann nur ohne eigenes Fahrzeug.

Meine Berufsausbildung habe ich in einem Betrieb absolviert, der nur 100 Meter von der Zonengrenze entfernt war. Dieser gesamte Betrieb, eine Eisengießerei und Maschinenfabrik, wurde sofort nach Verabschiedung dieses Gesetzes geschlossen und die Arbeiter in andere Betriebe evakuiert. So landete ich auch in einem „Volkseigenen Betrieb“, 15 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Nach meiner nun erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung, wollte ich meine Berufslaufbahn mit einem Ingenieurstudium weiter fortsetzen.

Bereits bei der ersten Arbeitsaufnahme in diesem Betrieb wurde ich unter leichtem Druck angehalten, in die Jugendorganisation der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) einzutreten. Erstens hatte ich noch die Zwangsmitgliedschaft in der Hitlerjugend in Erinnerung, und weiter war meine Zugehörigkeit zur katholischen Jungend ein großes Hindernis. Als ich dann im Betrieb den Wunsch äußerte die Ingenieurschule zu besuchen, wurden die Repressalien noch größer. Das Fass zum Überlaufen aber war meine Weigerung, Zeitschriften der FDJ mit Hetztiraden gegen die evangelische Jugend, im Betrieb zu verteilen. Nun wurde ich sofort von den Sicherheitsleuten des Betriebes ins Verhör genommen. Meine Gründe für die Weigerung waren den Bonzen nicht stichhaltig genug. Immer wieder kam die Frage, >ob ich für den Frieden sei<, mit dem Hinweis, wenn „Ja“, dann müsste ich auch etwas für das bestehende Staatswesen tun, in die FDJ und zugleich vorläufig in die „Volksarmee“ eintreten. Auch am nächsten Tag wurde ich stundenlang wechselweise verhört. Am selben Abend wurde ich von meinem Freund, der im gleichen Betrieb tätig war, gewarnt, dass man wohl Schlimmes mit mir vorhabe.

Nach kurzer Beratung mit meinem Freund und seiner Frau beschloss ich, das Land noch in der gleichen Nacht zu verlassen. Ich ging nach Hause, packte ein paar wichtige Sachen zusammen, zog doppelte Unterwäsche an, 2 Oberhemden, darüber meinen Trainingsanzug, einen guten Anzug, und noch meinen Wintermantel. So suchte ich wieder meinen Freund auf, um die Nacht abzuwarten. In meinem Elternhaus habe ich nichts von meinem Fluchtvorhaben gesagt, weil meine Eltern ein Friseurgeschäft besaßen, und jeder Mitwisser die Flucht gefährdet hätte. Mein ganzes Gepäck war meine Aktentasche, mit den wichtigsten Utensilien wie Papiere, Geld, Zeugnisse, und meine Fachbücher sowie Reißzeug mit Zirkel und Zubehör.

Ich hatte vor im Schutz der Nacht die nahe Grenze zu überwinden. Schon oft hatte ich dies getan, doch waren in der Zwischenzeit die Voraussetzungen weitaus schwieriger geworden. Dann begann es zu regnen. Bei rauschendem Regen kann man Geräusche nur sehr schwer orten. Es ist fast unmöglich bei Dauerregen die Grenzbewacher rechtzeitig zu bemerken. Darum wartete ich die Nacht ab, und fuhr mit dem ersten Zug nach Nordhausen. Hier stieg ich in den Zug nach Halle um. Eine Fahrkarte hatte ich nach Malchow am Müritzsee gekauft, das heißt, ich musste über Berlin fahren. In Halle ertönte über die Lautsprecher, dass der Zug nach Berlin nicht auf Gleis 1, sondern auf Gleis 3 einfahren würde. Eine Dame mittleren Alters stöhnte vor der Treppe zur Gleisunterführung mit ihrem großen Koffer. Ich bot mich an, ihren Koffer zu tragen. Kaum waren wir aber auf dem Bahnsteig 3 angelangt, ertönte die Stimme wieder und wies uns auf Gleis 1 zurück. Wieder half ich der Dame mit ihrem Koffer. Als der Zug dann einfuhr, bestiegen wir diesen und nahmen im gleichen Abteil Platz.

Unterwegs erzählte mir die Dame, dass sie nach Berlin fahren wolle, um dort ihre Tochter zu besuchen. Ich wiederum sagte, dass ich nach Malchow fahren werde, um dort eine neue Stelle als Maschinenschlosser anzutreten. Unterwegs, auf freier Strecke hielt der Zug. Es stiegen Wachposten der Volksarmee ein und kontrollierten jeden einzelnen Passagier und das Gepäck. Bei uns war alles in Ordnung und der Zug setzte seine Fahrt nach Berlin fort. Dort angekommen, verabschiedeten wir uns. Ich wartete auf einen Zug der „S-Bahn“. Von der Dame wusste ich, welchen Zug ich nach Schöneberg nehmen musste. Wieder kam mir der Zufall zu Hilfe. Als ich in den nächsten Zug einstieg, traf ich wieder die bekannte Dame. Noch einmal kam ein kritischer Augenblick. Als im Bahnhof Friedrichstrasse noch einmal Volkpolizisten in den Zug stiegen und Stichproben durchführten. Mein Argument, vor der Weiterfahrt noch einmal Schöneberg sehen zu wollen wurde zwar skeptisch, aber immerhin akzeptiert.

Kaum hatten wir die Sektorengrenze passiert, fragte ich ob wir bereits in Westberlin seien. Nachdem meine Bekannte dies bejahte, kam aus mir der Seufzer: “Gott sei Dank!“ Nun erst merkte sie, dass ich auf der Flucht war. Sie fragte mich, was ich denn nun vorhätte. Ich wusste es selbst nicht. Irgendwo würde ich mich bei den Westberliner Behörden melden müssen. Erschwerend war, dass an diesem Tag der Feiertag „Christi Himmelfahrt“ war, und damit alle Ämter geschlossen. Die Dame bot mir an, erst einmal mit zu ihrer Tochter zu gehen. Dort könnte ich bei dem Pfarramt um weitere Hilfe zu bitten. Doch auch das Pfarramt war geschlossen. So nahm sie mich wieder mit zu ihrer Tochter und es wurde beschlossen, dass ich die kommende Nacht bei ihnen bleiben solle. Die Tochter und auch der Schwiegersohn waren sehr liebe Menschen, die mir in den 4 Wochen, in denen ich in Berlin war, sehr viel geholfen, und mir auch viel von Berlin gezeigt haben.

Die guten Menschen machten Stielaugen, als ich mich aus meiner vielfachen Kleidung schälte. Aus dem gestandenen Mannsbild wurde vor ihren Augen ein dünner „Hänfling“. Am nächsten Tag, am 13. Mai 1953, bat ich bei den Westberliner Behörden um politisches Asyl. Ich wurde sofort nach Berlin Kladow verfrachtet. Dort im Auffanglager machte ich die ersten Erfahrungen mit dem Leben als Asylsuchender. 4 Wochen lang wurde ich jeden Tag abwechselnd von den deutschen, den amerikanischen, den englischen und den französischen Sicherheitskräften auf die Glaubwürdigkeit meiner Aussagen geprüft. Dann erhielt ich die Genehmigung der Ausreise nach Westdeutschland mit dem Status des ständigen Aufenthaltsrechtes in der BRD. Mit einem zweimotorigen Flugzeug wurden wir Jugendlichen aus Berlin nach Hannover geflogen. Weiter wurden wir mit einem Bus nach Sandbostel in der Lüneburger Heide gefahren. Dort ging das Lagerleben weiter. Auf Einzelheiten möchte ich hier verzichten.

Nach weiteren 4 Wochen habe ich mich freiwillig zu einem Einsatz als Bauhelfer für eine Flüchtlingssiedlung nach Friedland gemeldet. Bereits auf der Bahnfahrt dorthin, bemerkten wir 5 Jungen ein allgemeines Übelsein. Am nächsten Morgen wurde uns vom Lagerarzt bestätigt, dass wir, durch den Verzehr von verdorbenem Käse an Paratyphus C erkrankt seien. Wir wurden sofort in die Krankenbaracke des Flüchtlingslagers gebracht und unter Quarantäne gestellt. Erst später haben wir gehört, dass im Lager Sandbostel über 200 Jugendliche erkrankt seien. Körperlich hatte ich nichts, aber auch gar nichts zuzusetzen. So dauerte bei mir der Krankheitsverlauf bis in den September hinein. Wieder in Sandbostel angekommen, wurde mir eine Arbeitsstelle in Stuttgart angeboten.

Ich wurde zunächst im Auffanglager Stuttgart-Zuffenhausen untergebracht. Dieses Lager war so überfüllt, dass ich mit anderen Jungen zusammen auf dem Dachboden unter dem blanken Ziegeldach auf einer Feldpritsche und einer Decke zum Zudecken die nächsten Nächte verbringen musste. In den Nächten war es so kalt, dass ich dies keinem anderen wünschen möchte. Dann kam die nächste schlechte Nachricht. Der Arbeitsmarkt war 1953 leer gefegt. Ich bekam also in Stuttgart keine Arbeit. Die Lagerleitung wollte mich aber loswerden. So wurde ich in das Jugendsozialheim in Ludwigsburg abgeschoben. Durch den dortigen Lagerleiter, Herrn Baron von Stackelberg, bekam ich zuerst eine Notstandsarbeit bei der Stadt Ludwigsburg. Dann sorgte er dafür, dass ich eine erste, gut dotierte Anstellung in der Konstruktionsabteilung einer Rechenmaschinenfabrik bekam.

Damit war die Odyssee meiner Republik-Flucht beendet und ich konnte, wenn auch sehr bescheiden, ein neues Leben beginnen. Erschwerend für mich mit meinen damals 22 Jahren war, dass ich in Westdeutschland keine Verwandten oder Bekannten hatte. Ich war also ganz allein auf mich gestellt. Aber diesen Schritt in die Zukunft habe ich keinen Augenblick bereut. Auch in der BRD ist nicht alles in Ordnung und es gibt immer noch viel zu verändern und zu verbessern, aber ich habe das Motto:

Ein schlechte Demokratie ist immer noch besser als jede Diktatur !!!


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