DDR - Rundfahrt
Autor: Johannes Malchàrek (aus HiStory)
Ende Juli 1951. Die Zeiten in der DDR waren so angespannt, dass viele Bürger das Land illegal verließen und nach Westdeutschland gingen. Soeben erst hatte ich unter abenteuerlichen Umständen meine Gesellenprüfung als Maschinenschlosser erfolgreich abgelegt, und meinen 14-tägigen Jahresurlaub genommen. Am letzten Tag vor meinem Urlaub hörte ich aus berufenem Munde, dass einige meiner Kollegen auch das Land verlassen wollten. Sofort schoss es mir durch den Kopf: Wenn am Montagmorgen diese Kollegen wirklich nicht zum Dienst erscheinen, dann werde ich ganz bestimmt geholt, um diese Lücke zu füllen. Nach den letzten Prüfungstagen brauchte ich aber ganz dringend meinen Urlaub!
Kurz entschlossen packte ich einfach ein paar Sachen zusammen, zählte meine Barschaft (42,– Reichsmark, denn wir hatten in der DDR noch keine Währungsreform), und sagte meinen Eltern dass ich eine kleine Radtour mache. Das war nichts besonderes, weil ich das spontan an vielen Wochenenden bereits gemacht hatte. Mein Fahrrad war immer, auch heute noch, sofort einsatzbereit.
Ich fuhr nun von meinem Heimatort Ellrich aus, eine Kleinstadt am Südharz, erst einmal über Niedersachswerfen ins 15 Kilometer entfernte Nordhausen, dort wohnten meine Großeltern. Dort übernachtete ich. Am Abend unterhielten wir uns über meine nächsten Ziele. Ich wollte ja nur ganz einfach mal meinem Alltag entfliehen und ins Blaue hineinfahren, und dann sehen, wie es weiter geht. Meine Großeltern gaben mir nun Adressen von Verwandten, die irgendwo in der DDR verstreut wohnten. Die würden sich sicher freuen, wenn ich einmal bei ihnen auftauchen würde.
So fuhr ich dann am Südharz entlang, den Kyffhäuser nicht links sondern rechts liegen lassend, nach Sangerhausen. Dort ist ja das weltberühmte Rosarium, die größte Rosensammlung der Welt mit über 8.000 verschiedenen Rosensorten, darunter auch die einmalige schwarze Rose. Sangerhausen ist auch die Stadt des Kupferbergbaus, und dort wohnte auch ein Bruder meiner Großmutter, mein Patenonkel Johannes mit seinen 2 erwachsenen Töchtern. Die Freude des Wiedersehens war groß, und ich musste die nächste Nacht bei ihnen bleiben.
Es zog mich aber weiter, und so fuhr ich schon am nächsten Tag nach Eisleben. Die Stadt liegt in der Mansfelder Mulde, östlich des Harzes, und lebt auch vom Kupferbergbau. Berühmt ist die Stadt natürlich, weil hier 1483 Martin Luther geboren wurde, und auch hier im Jahr 1546 verstarb. Zunächst besuchte ich einen Bruder meines Großvaters, Onkel Georg mit Tante Elfi. Ich wurde überaus herzlich empfangen, obwohl ich doch spontan, ohne Vorankündigung, überall erschien, und Tante Elfi lief sofort los, um nötige Einkäufe zu erledigen. Am Abend bereitete sie einen Wildschweinbraten zu, eine Rarität in der DDR, die sonst nur den Privilegierten zugestanden wurde, aber Beziehungen haben ist eben alles, und auch die damalige Volkspolizei bestand nur aus Menschen.
Mit ausreichend Proviant versehen war dann mein nächstes Ziel Halle an der Saale. Halle ist die größte Stadt in Sachsen Anhalt. Sie wurde durch die Kriegseinwirkungen arg in Mitleidenschaft gezogen, wobei die Altstadt relativ glimpflich davon gekommen ist. Dort in Halle wohnte der Sohn der Schwester meiner Großmutter, Onkel Paul mit seiner Frau und der Tochter Rosemarie.
Rosemarie war in meinem Alter, und so blieb es nicht aus, daß wir einiges gemeinsamen unternommen haben. Wir waren im berühmten Halleschen Zoo, einer der schönsten Tiergärten in Europa. Wir waren Rudern auf der romantischen Saale, und ich musste unbedingt einige Tage bei ihnen bleiben.
Doch an einem Tag habe ich einen Abstecher nach Leipzig gemacht. Ich habe mir den mit 36 Gleisen größten Sackbahnhof Deutschlands angesehen, war in der Thomaskirche mit dem Bach-Denkmal davor, war in „Auerbachs Keller“ und habe mir die alten geschichtsträchtigen Handelshöfe angesehen. Auch das Leipziger Messegelände und das Völkerschlachtdenkmal habe ich besucht, und die Ruine des Neuen Gewandhauses, erbaut 1884 von Martin Gropius, das aber im Krieg schwer beschädigt wurde. Dann aber musste ich wieder zurück nach Halle.
Nun drängte es mich aber weiter. Ich verließ Halle und fuhr weiter in Richtung Magdeburg. Doch das Schicksal wollte es anders. Kurz vor Bernburg senkte sich mein Fahrrad langsam nach vorn. Um nicht zu stürzen stieg ich rechtzeitig ab und untersuchte meinen fahrbaren Untersatz. Fazit: Der Rahmen war gebrochen. Nach kurzer Pause schleppte ich das Wrack auf der Strasse weiter. Und wieder einmal hatte ich gewaltiges Glück. Ein Traktor mit Anhänger kam hinter mir her, und hielt auf mein Zeichen auch an. Ich durfte mit meinem Rad auf dem Hänger Platz nehmen. So brachte er mich die restlichen 10 Kilometer bis nach Bernburg. Die Straßen damals waren noch sehr leer, und kaum einmal ließ sich ein Fahrzeug blicken.
In Bernburg fand ich schließlich eine Werkstatt. Dort wurde mein Fahrrad fachgerecht geschweißt. Die Reparatur kostete mir mehr als 12 Mark. Ich hatte das Geld nicht, denn meine Barschaft von 42 Mark war schon enorm geschrumpft. Schuld daran war hauptsächlich die Rosemarie in Halle. Doch gegen Vorlage meines Ausweises wurde mir eine Rechnung erstellt und ich konnte den Betrag später von daheim aus überweisen.
Weiter ging die Fahrt in Richtung Magdeburg. Der Abend nahte und ich musste mir eine Unterkunft suchen. Bei einem einsamen Bauernhof in der Magdeburger Börde durfte ich dann in der Scheune mein Rad unterstellen und auch dort übernachten. An diesem lauen Sommerabend saß ich mit den Bauern noch vor der Tür, ich erzählte aus meinem Leben und von meinem jetzigen Ausflug. Unterdessen wurde ich mit frischer Milch und reichlichem Essen versorgt, dabei wurde mein Geldbeutel nicht einmal erleichtert. Es war wie in einem Märchen.
Am nächsten Vormittag erreichte ich ohne Zwischenfälle Magdeburg. Als erstes schockierte mich die Zerstörungswut der Kriegstreiber. Ich war schon vieles vom zerstörten Nordhausen gewöhnt, aber in Magdeburg sah es noch weit schlimmer aus. Hohe Schuttberge überragten fast noch die Ruinen von den alten, zerbombten Häusern. Trotzdem ist Magdeburg die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. Hier haben die katholischen und auch evangelischen Christen ihren Bischofssitz. Der Bruder von meinem Großvater, Onkel Josef wohnte hier. Ich fand auch seine Wohnung recht schnell, und die Freude über mein Erscheinen war groß. Viel war von der Stadt nicht mehr zu sehen, der Dom hatte nur ein Flachdach und die vielen Ruinen prägten das Bild.
Hier hielt ich mich nur einen Tag auf, denn mein Urlaub ging zu Ende. Ich setzte meine Reise fort und fuhr nach Halberstadt. Auch diese Stadt hatte unter den Kriegseinwirkungen schwer gelitten. Der gesamte Domplatz und die umliegenden Stadtviertel wurden Opfer der Bomben und der Feuer. Ich fuhr nun weiter über die Burg Regenstein, über Blankenburg, quer durch den Ostharz, über Hasselfelde und Ilfeld zurück nach meinem Ausgangsort Ellrich.
Über die Vorwürfe von meinen Eltern über mein eigenwilliges Fernbleiben möchte ich hier lieber nicht berichten. Das schlimmste für sie war, dass sie nicht wussten wie sie mich erreichen konnten und wo ich mich in der Zwischenzeit aufgehalten habe. Auch von meinem Arbeitgeber musste ich mir einige Vorwürfe anhören. Aber für mich war es ein Ausflug, den ich aus meinem Leben nicht mehr missen möchte.
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