Erfurt per Rad
Autor: Johannes A. Malchàrek (aus HiStory)
Geboren wurde ich 1931. Mein Heimatort liegt am Südrand des Harzes, eine Kleinstadt mit 5.000 Einwohnern. Während unserer Jugendwallfahrten nach Erfurt (ab 1947) hatten wir dort Kontakt mit einer sehr netten Gastfamilie bekommen. Zu ihr gehörten ein heranwachsender Sohn und ein Mädchen von ungefähr 15 Jahren. Sie hieß Marianne und war im gleichen Alter wie meine jüngere Schwester. Uns drei verband seit der ersten Wallfahrt eine intensive Freundschaft.
Eines Tages wurden meine Schwester und ich eingeladen, im Sommer einmal nach Erfurt zu kommen. Wir waren begeistert und der Gedanke ließ uns nicht los, diese Ferien und den Besuch in Erfurt mit den Fahrrädern zu bestreiten. Ab meinem 7. Lebensjahr fahre ich Fahrrad. Ich besaß immer einen fahrbaren Untersatz. Aber für meine Schwester, 2 Jahre jünger als ich, mussten wir erst noch ein Fahrrad organisieren. Organisieren war bereits während der Kriegsjahre, anschließend in der sozialen Misswirtschaft in der noch jungen DDR das A + O des Überlebens. So halfen uns unsere Eltern und liehen sich von Bekannten ein Damenfahrrad. Das wir mit dem Rad sorgsam umgehen mussten war Ehrensache, und bedurfte keinerlei Einlassungen.
Es begann für uns zwei eine ereignisreiche Ferienfahrt. Die 15 Kilometer bis nach Nordhausen kannten wir bereits, aber dann begann für uns Neuland. Auf der B4 über Sondershausen und Straußfurt beträgt die Strecke etwa 90 Kilometer. Im Nachhinein weiß ich, dass 90 Kilometer für einen ungeübten Fahrer eine Tortur ist. Erschwerend bei dieser Tour war gleich am Anfang der Sondershäuser Berg, 7 Kilometer lang und 200 Meter Höhenunterschied. Diese Strecke mussten wir schiebend zurück legen. Gangschaltungen gab es damals für normale Räder überhaupt noch nicht. Kurz vor Erfurt, man konnte bereits die Silhouette der Stadt sehen, legten wir noch einmal eine ausgiebige Pause ein. Meine Schwester war fix und fertig. Die letzten Kilometer legten wir mit letzter Kraft zurück, aber wir haben unser Ziel erreicht.
Herzlich hat uns unsere Gastfamilie aufgenommen, und wir haben die Tage in Erfurt mit allen Sinnen genossen. Es war einfach wunderschön. Marianne, meine Schwester und ich waren in der EGA, in der Erfurter-Garten-Ausstellung, die auch heute noch unbedingt sehenswert ist und für die Erfurter Bevölkerung ein Naherholungsgebiet ist. Wir waren gemeinsam Schwimmen und haben die vielen Sehenswürdigkeiten der Blumenstadt Erfurt gesehen. Trotz der vielen Bomben- und Kriegsschäden haben wir das Gebäude des Hauptbahnhofs, das alte Rathaus, die Krämerbrücke mit den vielen kleinen Geschäften und Wohnungen, den Fischmarkt und natürlich auch den Dom und die Severikirche ausgiebig angesehen.
Aber nichts dauert ewig auf der Welt, und so mussten wir bedauernd die Heimfahrt antreten. Wir fuhren auf Nebenstrecken nach Sömmerda, etwa 30 Kilometer. Dort ereilte uns das Schicksal. Ein Reifen des geliehenen Rades meiner Schwester war platt. Das ist normal kein Unheil, Reifenpannen waren bei dem Material in der DDR an der Tagesordnung, und ich hatte schon einige Dutzend Male Reifen wieder in Ordnung gebracht. Aber bei der Reparatur dieses Reifens stieß ich an meine Grenzen. Was und wo ich auch flickte und reparierte, immer wieder war irgendwo ein Leck im Reifen. Reparaturmaterial hatte ich genug dabei, aber für diesen Fall war es nicht ausreichend. Ich musste improvisieren und benötigte einige Stunden, um den Schaden endlich zu beheben und das Rad wieder fahrbereit zu machen.
Die Zeit war natürlich bereits weit fortgeschritten und wir fuhren weiter in Richtung Bad Frankenhausen im Kyffhäuser-Gebirge. Der Tag neigte sich zu Ende, und wir versuchten eine bezahlbare Bleibe für die kommende Nacht zu finden. Doch die Schwierigkeiten waren bereits vorprogrammiert. Die Sitten damals waren noch sehr streng, und da meine Schwester und ich logischer weise verschiedenen Geschlechts waren, durften wir auf keinen Fall in einem Zimmer übernachten!! Letztlich fanden wir zu später Stunde doch noch in einer kleinen Pension eine einsichtige Wirtin, die uns mit viel Argwohn eine Übernachtung anbot. Unsere Ausweise, die uns als Bruder und Schwester auswiesen, war dann der Ausschlag für die Herberge in einem Zimmer. Damit dem Gesetz aber Genüge getan wurde, spannte man zwischen unsere Betten eine Schnur und hängte darüber eine Decke als Sichtschutz, damit Männlein und Weiblein getrennt voneinander waren. Das war 1950 !!!
Am nächsten Tag fuhren wir weiter, besuchten die Barbarossahöhle, im Kyffhäuser-Gebirge. In der Höhle sitzt der zu Stein gewordene Kaiser Friedrich I (1155 – 1190) genannt Barbarossa. Er schläft in der Höhle, bis keine Raben, die ihn bewachen, den Kyffhäuser mehr umkreisen.
Dann schoben wir unsere Räder die 12 Kilometer und 300 Höhenmeter zum Kyffhäuser-Denkmal hinauf. Dieses Denkmal wurde vom „Deutschen Kriegerbund“ um 1890 – 1896 zu Ehren des Kaisers Wilhelm I errichtet. Das Reiterstandbild des Kaisers ist 11 Meter hoch, der schlafende Barbarossa 6,5 Meter hoch. Der Abschluss des 81 Meter hohen Denkmals wird durch die Nachbildung einer Kaiserkrone gebildet.
Zur ehemaligen Burg Kyffhausen, auf der teilweise das Denkmal steht, gehört der tiefste Brunnen der Welt mit einer Tiefe von 176 Metern. Lässt man einen Gegenstand in den Brunnen fallen, so benötigt er genau 6 Sekunden um unten anzukommen. Vorgeführt wird das Schauspiel, in dem man mit einer Lampe in den Brunnen hinein leuchtet. In der Tiefe sieht man den leuchtenden Wasserspiegel. Gießt man nun etwas Wasser in den Brunnen so dauert es 6 Sekunden, bis der Wasserspiegel des Brunnens Wellen schlägt und damit der Wasserspiegel unsichtbar wird.
Bei der Rückfahrt besuchten wir noch die Ruinen der Rothenburg, einer ehemaligen wehrhaften Burg am Nordsporn des Kyffhäuser-Gebirges. Dann fuhren wir hinunter in das fruchtbare Tal der „Goldenen Aue“, die Kornkammer Deutschlands, ein sehr fruchtbares Ackerland. Noch bevor in der späteren DDR-Zeit ein großer Stausee gebaut wurde, gab es dort viele kleinere Baggerseen mit glasklarem Wasser. Als wir dort vorbei kamen, gab es für uns kein Halten mehr. Wir legten eine Rast ein und erfrischten uns in dem kühlen Nass.
Nach dem ausgiebigen Bad stiegen wir wieder auf unsere Räder und traten den Heimweg auf der B80 über Berga an. Doch unsere Odyssee war noch nicht beendet. Als wir in Nordhausen einfuhren, bemerkte ich erst den Verlust meiner Brille. Die hatte ich an dem Baggersee liegen gelassen. Ich bat also meine Schwester die 15 Kilometer bis zu unserem Elternhaus allein zu fahren. Ich kehrte also um und fuhr die 20 Kilometer zurück, fand auch gleich meine Brille, und radelte nun zuversichtlich der Heimat entgegen. Noch vor der hereinbrechenden Dunkelheit hatte ich mein Elternhaus erreicht, und konnte damit diese herrliche Fahrt und ein gelungenes Abenteuer zufrieden abschließen.
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